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Reisetagebuch Australien

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Interview mit Guide Darren Capewell, den alle nur "Capes" nennen 

 

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Jeder weiß, dass in Australien auch heute noch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist zwischen den Weißen und den Aboriginals. Der erste Eindruck, der sich uns in allen Klein- und Großstädten bietet, ist, dass wir höchst selten einen Aboriginal sehen, der einen Job hat oder sonstwie Teil hat an der Gesellschaft. Viele Aboriginals sitzen wie Obdachlose bei uns auf der Straße und machen nicht den Eindruck, glücklich zu sein. Wir verstehen das Zusammenleben noch nicht. Für uns scheint es gar kein gemeinsames Leben von Ureinwohnern und Weißen zu geben... Da wir es genauer wissen möchten, fragen wir Capes nach Verabschiedung der Reisegruppe Löcher in den Bauch.

Daraus ist ein Interview entstanden, dass wir Euch heute und in den nächsten Tagen hier vorstellen wollen:

Wir: Warum bietest du Bushwalks für Urlauber an?

Capes: Ich versuche den Leuten diese Region näherzubringen und sie mit den Augen eines Aboriginals sehen zu lassen. Ich möchte, dass sie ein Bewusstsein entwickeln für die Natur und unsere Kultur und dass sie verstehen, warum dieses Land so wichtig für die Aboriginals ist. Unser Volk ist seit über 20.000 Jahren in dieser Region verwurzelt und wir leben immer noch hier. Die meisten Touristen kommen nach Monkey Mia, sie sehen die hübschen Delfine und die schönen Farben des Meeres und dann sind sie wieder weg. Ich denke, wenn sie das nur als Unterhaltung sehen und sie nach dem Urlaub wieder zu Hause sind, fühlen Sie sich innerlich ein bisschen leer, weil sie nichts mitgenommen haben. Ich möchte ihnen unsere Verbundenheit mit dem Land vermitteln und dass sie wissen, wie es sich anfühlt. Wenn du zum Beispiel diese frische Luft hier tief einatmest (er nimmt einen tiefen Atemzug), dann ist das wie Medizin für uns. Das ist das Erste, was du lernst, und wie du dieses Land spüren kannst. Ich möchte, dass die Leute die Natur respektieren, die Kultur und das Land. Lange bevor es uns gab, gab es schon dieses Land und es wird auch immer noch da sein, wenn wir gehen.

 

Wir: Wie müssen wir uns Australien aus Aboriginalsicht vorstellen? Ist es ein großes Land oder ist es unterteilt in unterschiedliche Völker und Sprachen?

Capes: Es gibt in Australien ungefähr 250 verschiedene Aboriginal-Länder. Man muss sich das so vorstellen wie in Europa. Es gibt dort auch viele Länder auf einem Kontinent und jedes dieser Länder hat unterschiedliche Kulturen. Kein Land sollte dem anderen etwas vorschreiben oder für ein anderes Land sprechen. So ist es auch hier. Wie kannst du für ein Land sprechen, aus dem du nicht kommst und von dem du keine Ahnung hast?

Wir: Nun sind ja vor einiger Zeit viele Menschen aus Übersee gekommen und sprechen auch heute noch für ein Land, aus dem sie nicht stammen. Wird die Aboriginal-Kultur nicht in ein paar Jahrzehnten ausgestorben sein und sich der westlichen Kultur anpassen?

Capes: Viele Leute in Australien sagen, die Kultur der Aboriginals ist verloren. Das stimmt nicht. Die Kultur hat nur die letzte Zeit geschlafen. Nun wacht sie langsam wieder auf. Viele Australier verstehen unsere Kultur nicht. Es ist immer noch so, dass viele nur die negativen Seiten sehen. Die Leute sagen, die Aboriginals seien alle Alkoholiker oder drogensüchtig. Das denke ich nicht. Alkohol ist ein Problem, ja. Aber Drogen suchen dich nicht aus, weil du Aboriginal bist, weiß oder schwarz, alt oder jung. Alkohol und Drogen werden dich bestimmen, wenn du einen schwachen Geist hast und es gibt so viele Gründe, warum Leute heutzutage einen schwachen Geist haben.

Wir: Woher kommen die Urlauber, die mit dir auf Bushwalk gehen?

Capes: Das Schöne ist, dass in der jüngsten Zeit immer mehr Australier meine Aboriginal-Touren buchen und mit mir auf Bushwalk gehen, eine Kajaktour machen und interessiert an der Kultur der Aboriginials sind. Mittlerweile wird sogar unsere Sprache an Schulen unterrichtet. Ich finde das gut, weil die Kinder damit ganz selbstverständlich aufwachsen. Je mehr die Leute über unsere Kultur wissen, desto mehr verlieren sie die Furcht vor dem Unbekannten.

Wir fragen Capes, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte: Ich habe nur einen Wunsch: Ich würde mich freuen, wenn Australien lernt, die älteste lebende Kultur auf diesem Planeten mehr zu schätzen. Australien interessiert sich immer noch viel mehr für andere Kulturen. Sie gucken nach Europa, nach Japan, nach China, anstatt etwas über die Aboriginal-Kultur wissen zu wollen. Ich möchte, dass die Aboriginals in die Entscheidungen einbezogen werden, die diese Generation unmittelbar beeinflussen und die Kinder und deren Kinder und deren Kinder...

Wir: Was macht denn die Politik in Australien für die Aboriginals?

Capes: Die letzten Regierungen in Australien haben nicht gerade dazu beigetragen, dass sich die Beziehungen der Ureinwohner und der Australier verbessern. Die letzte Regierung hat versucht, Angst zu schüren. Aboriginals haben Ansprüche auf Land erhoben, um dort lebenzu können. Man hat der weißen australischen Bevölkerung erzählt: „Wenn du nicht aufpasst, nehmen die Aboriginals dir dein Grundstück und dein Haus weg.“ Dabei ging es gar nicht darum. Die Regierung wollte Handel mit großen Minenunternehmen treiben, was sie auch heute noch tut. Es geht um viel Geld und unglücklicherweise sieht man die Aboriginals nur als Verhinderer, wenn man ihnen zu mehr Rechten verhelfen würde. Die Regierung hat Angst, dass sie die Berechtigung verlieren könnte, mit internationalen Unternehmen zu handeln, die aus der Erde alle möglichen Bodenschätze wie Eisen, Gold oder Aluminium gewinnen. Das Gerücht vom bösen Aboriginal wird immer noch gerne gestreut, um uns aus Regionen zu vertreiben,wo diese Firmen Tonnen von Ressourcen aus dem Boden holen. Australien kümmert sich um die Menschenrechte in anderenLändern, aber im eigenen Land bekommen sie es nicht geregelt. Es ist sehr traurig, wie wenig man uns in unserem eigenen Land respektiert. Man hat uns über Jahre hinweg einfach getötet, man hat uns regelrecht abgeschlachtet. Wisst ihr, seit wann Aboriginals in ihrem eigenen Land wählen dürfen? Seit 1967! Davor waren wir keine australischen Bürger. Wir waren nicht einmal Menschen, sondern wurden unter der Rubrik „Flora und Fauna“ erwähnt. Es gibt das, was wir die „StolenGenaration“ nennen. Kinder von Aboriginals und Weißen wurden den Eltern weggenommen, um sie zu besseren Menschen zu erziehen. Vor 50 Jahren hätte ich hier nicht unter diesem Baum sitzen dürfen undmit euch über unsere Kultur sprechen dürfen, sie hätten mich dafür eingesperrt. Glücklicherweise dürfen wir jetzt unsere Kultur leben, darüber sprechen und stolz auf unsere Herkunft sein. Ihr seid auf Reisen und wenn ihr Leute aus anderen Ländern trefft, ist doch meistens die erste Frage: Wo kommt ihr her? Und diese Frage möchte ich genau wie alle anderen Menschen auf der Welt beantworten dürfen. Ich mache diese Touren für Touristen auch deswegen, weil Tourismus eine gute Sache ist, den Aboriginals eine Stimme zu geben. Ihr seid heute hier und tragt vielleicht das, was ich euch sage, in die Welt hinaus. Auch das ist Teil des Wiedererwachens der Aboriginal-Kultur.

 

Mit Capes auf Bushwalk

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Unser nächster Programmpunkt: Monkey Mia von der Anhöhe aus betrachten. Der Spazierpfad beginnt direkt hinter dem Resort in weißem Sand, der urplötzlich rot wird. Wir begegnen Capes. Mit ihm sind wir für den frühen Mittag verabredet, denn Capes macht Führungen durch den Bush, er erzählt dabei, wie er als Aboriginal mit dem Land seiner Urahnen verbunden ist. Er lädt uns spontan ein, bei seiner Tour gleich mitzugehen, ein kleines Grüppchen reiselustiger Australier jenseits der 70 und ein nettes deutsches Paar, das sich als Camper Westaustralien anschaut, sind mit dabei. Schon nach den ersten hundert Metern wird jedem klar: Capes weiß, wovon er spricht. Er geht an keinem Busch vorbei, und sei er noch so verdörrt oder hässlich, ohne auf gut schmeckende Beeren, die heilende Wirkung von Myrrhe oder eine moskitoabweisende Pflanze hinzuweisen. Und auch sonst lässt er keinen Haufen links liegen. Er erklärt: „This is Emu pooh.“ Aha! Die Haufen, über die wir hier hinwegsteigen, sind die eines flugunfähigen Emus und sehen aus wie Spinat mit Blubb. Aber manchmal sind noch Reste von Früchten mit dabei und da sich nach der Aboriginalkultur Menschen und Tiere von den gleichen Dingen ernähren, erkennt er an dem Haufen, dass es hier leckere Beeren geben muss. In welcher Richtung sich diese befinden, verraten ihm die Emu-Spuren. Dann hören wir einen Vogel trällern. Capes übersetzt: Ein Warnruf, ganz in unserer Nähe muss sich ein Reptil aufhalten und zielsicher zeigt er uns im Busch eine Echse. Die Gruppe bezeugt durch Ahs und Ohs, dass sie beeindruckt ist.

 

Die Ferienanlage in Monkey Mia

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Monkey Mia ist kein Dorf, sondern besteht aus einer Anlage mit unterschiedlichen Unterkunftsmöglichkeiten. Es gibt sechs tolle Holzhäuschen mit Blick auf den Strand, ein Feriendorf mit den typischen kleinen Cabins, einen Backpacker mit Doppel- und Mehrbettzimmern und einen Campingplatz. Es ist nett, dass sie hier an jede Geldbeutelgröße gedacht haben. Wer mehr Geld ausgeben möchte, lässt sich abends im Restaurant Kaviar servieren, und wer es nicht so dicke hat, kocht mit anderen Backpackern zusammen etwas in der Gemeinschaftsküche. Bei Sonnenuntergang gehen wir an den Strand. Drei Delfine schwimmen keine drei Meter von uns entfernt am Strand entlang und lassen sich von den Urlaubern ausgiebig bestaunen und fotografieren. Die Rückenflossen glänzen in der Abendsonne. Ein Bild, das glücklich macht... Von so vielen optischen Eindrücken abgelenkt, verpassen wir es, lästige Mücken daran zu hindern, ihren Stachel in unser Fleisch zu rammen. Mit vielen neuen Moskitostichen gehen wir Richtung Bar. Wir bestellen einen Seafood Basket. Serviert werden Fish ´n Chips, panierte Calamares und frittierte Shrimps, dazu gibt’s einen Salat und Wein.

 

Monkey Mia -Delfine hautnah

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Schon seit den 60er Jahren kommen in Monkey Mia fast täglich Delfine bis an den Strand. Als Ninni Watts 1964 vom Fischerboot ihres Mannes das erste Mal einen Delfin fütterte, konnte sie nicht ahnen, dass sie damit eine Touristenattraktion ins Leben rief. Denn der Delfin kam wieder. Jeden Tag. Und brachte seine Freunde mit. Waren es gestern Abend nur drei, sind es heute Morgen schon fünf Bottlenose Dolphins, Große Tümmler. Bis an den Strand heißt, dass sie wirklich bis ins seichte Wasser schwimmen und an die Wasserkante herankommen, an die Beine der Urlauber schwimmen und neugierig aus dem Wasser gucken. Dieses Schauspiel beobachten heute Morgen an die hundert Menschen. Es sollen in der Hauptsaison fünf- bis zehnmal so viele Menschen sein, die bei der Delfinfütterung zugucken wollen. Damit die Leute nicht hinter den Delfinen herschwimmen, sie womöglich anfassen oder streicheln wollen, sind Ranger vor Ort, die das Zusammentreffen von Mensch und Tier für die Delfine nicht zu einem unangenehmen Erlebnis werden lassen. Um 7:45 Uhr beginnt das Warten auf die Delfine in der sogenannten „Interaction-Area“. Da die Delfine keine Armbanduhr tragen, lässt man sie einfach kommen, wann sie wollen. Heute dauert es eine halbe Stunde, bis die ersten zwei Delfine angeschwommen kommen. Die Gruppe der Delfine umfasst 14 Tiere. Rangerin Marie kennt jedes der einzelnen Tiere beim Namen und erkennt sie schon aus der Ferne an den unterschiedlich geformten Rückenfinnen. Der erste schwimmt direkt neben Maries Beine und guckt aus dem Wasser. Sie erzählt, dass Delfine im Gegensatz zu allen anderen Walen in der Lage sind, in seichtes Wasser zu schwimmen oder dort zu jagen und auch wieder zurück ins Meer zu finden. Einmal gestrandet, verenden andere Walarten unter der Last ihres eigenen Gewichts an Land. Maria bittet ein paar Kinder und Erwachsene, die Delfine mit Fischen aus einem bereitgestellten Eimer zu füttern. Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass die Delfine auch morgen wiederkommen. Allerdings geben die Ranger nur so wenig Fisch, dass die Delfine nicht von den Fütterungen abhängig werden, denn sie verputzen täglich ein Vielfaches der verfütterten Menge. Die Kinder und die Erwachsen sind sichtlich beeindruckt von dem hautnahen Erlebnis mit den Delfinen. Nach einer knappen Stunde beendet Maria das Zusammentreffen und die Delfine ziehen weiter. Verbringt man den Tag am Strand, hat man gute Chancen, die Delfine in einer Privataudienz wiederzusehen. Wenn man sich ins Wasser stellt, kommen sie nicht selten angeschwommen. Wichtig dabei ist nur, dass man am besten nichts tut, sondern einfach die Delfine machen lässt und sie dabei beobachtet. Anfassen und streicheln ist verboten und macht ehrlich gesagt auch keinen Sinn. Wer will sich schon täglich von Hunderten Leuten befummeln lassen.

 

 

Wildblumen im Miniformat 

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Bereits um 6:30 Uhr schwingen wir die Beine aus dem Bett. Da die Sonne hier so früh untergeht und abends nicht viel los ist, verschiebt sich der Tag immer mehr nach vorne. So können wir auch länger die wunderbare Landschaft genießen.

Wir fahren am Ortsausgang von Kalbarri zum Wildflower Center. Eine Frau hat dort in Eigeninitiative sämtliche Wildblumen, die es in dieser Gegend gibt, zusammengetragen und einen riesigen Garten angelegt. Die Blüten an den Büschen sind farbenfroh, aber sehr winzig. Was hier in Westaustralien wächst, muss ganz schön viel aushalten. Der Boden ist sandig, von oben brennt tagsüber die Sonne, nachts ist es im Frühjahr sehr kühl und feucht. In den Jahren 2006/2007 gab es eine Dürre, die zum Absterben vieler Bäume und Pflanzen geführt hat. Diese Gerippe stehen jetzt immer noch zwischen den blühenden Pflanzen und im Gegenlicht sehen die abgestorbenen Büsche fast gespenstisch aus.

Mit europäischem Maß darf man die Wildblumenblüte nicht messen. Die Pflanzen hier sind auf eine andere Art schön. Da sie kaum Wasser bekommen, sind die Blüten und Fruchtstände klein. Man muss mit dem Auge schon ganz schön nah herangehen, damit man die Schönheit der Blüten erkennt, oder man hat einfach ein Makro-Objektiv dabei, dann kommen die Blumen bildfüllend zur Geltung.

Kalbarri National Park: Natures Window

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Das Außergewöhnliche am Nationalpark soll die Schlucht des Murchison Rivers sein. Nach einem kurzen Einkauf in Kalbarri geht’s nach ca. 12 Kilometer auf Asphalt auf eine Schotterpiste. Der Eintritt in den Park kostet elf AUD und wir rattern 30 Kilometer Richtung The Loop. Der Aussichtspunkt dient als Start- und Endpunkt für eine acht Kilometer lange Wanderung. Von hier aus laufen wir zum „Natures Window“. Eine Felsformation, die aussieht wie ein Bilderrahmen. Und natürlich kommen alle Besucher her, setzen sich auf die Steine davor und lassen sich von der Natur eingerahmt fotografieren. Wir verbringen hier fast eine Stunde, weil der Blick so beeindruckend ist. Es ist kurz nach drei Uhr, der perfekte Sonnenstand für den steinernen Bilderrahmen und die Schlucht. Bis wir hier endlich fertig sind mit Gucken und Filmen, dämmert es schon wieder und wir beschließen, den letzten Aussichtspunkt auszulassen. Getreu dem Motto eines Australiers, den wir eben im Felsenrahmen fotografiert haben: „This is such a big country, you can‘t see everything“. Australier sind sehr kommunikativ. Entweder sprechen sie uns wegen unserer Kameraausrüstung an oder einfach nur so. Die immer gleichen Fragen lauten: Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin? Und dann staunen sie: „Das ganze Land in 100 Tagen bereisen? Oh, das ist schwer!“ Und dann kommt wieder der Satz: „It‘s such a big country.“ Jeder Australier fügt an dieser Stelle allerdings noch einen ultimativen Reisetipp an. Dankeschön! Alle Tipps haben sich bislang ausgezahlt. 

Von Coronation Beach nach Kalbarri

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Wie sich Kühe fühlen, die von Fliegen geplagt werden, können wir uns spätestens seit heute vorstellen. Seitdem wir Zwischenstopps Richtung Kalbarri einlegen, werden wir von Fliegen gepiesackt. Ständig schwirren die kleinen Dinger in Augen und Ohren, ein Wunder, dass sie nicht den Nebenhöhlen guten Tag sagen. Das einzige Rezept, das scheinbar hilft, ist, sich einfach nicht davon stören zu lassen. Dies ist natürlich immer dann blöd, wenn man gerade ein schönes Motiv vor der Linse hat, die Blende eingestellt, die Schärfe gezogen, gerade die Filmaufnahme gestartet hat – und dann fünf bis zehn Viecher sssssum einem ins Ohr krabbeln. Dabei reflexartig nicht den Kopf zu schütteln, ist hart. Aber Wegjagen bringt gar nichts, es gibt einfach zu viele davon. Unser Ziel ist heute der Kalbarri National Park, berühmt für seine Felsbuchten am Meer und Schluchten am Murchison River. Wir fahren von Northampton die Scenic Route und kommen bald an der Küste an, wo Wegweiser uns an die verschiedenen „Scenic Places“ führen. Die Küste hier sieht ganz anders aus als die bisherige Dünenlandschaft der letzten paar hundert Kilometer. Zerklüftete Klippen und rotbraune Sandsteinfelsen, die flach übereinander geschichtet wie Pfannkuchen aussehen. Eine Frau erzählt am Aussichtspunkt, dass sie drei Kilometer weiter einen Wal mit Baby gesehen hat. Wir rennen sofort zum Auto, suchen den nächsten Lookout, starren aufs Meer - und sehen einen Buckelwal, der seine Flossen zig mal aufs Meer klatscht. Eine Gruppe Delfine, die an uns vorbeizieht, macht das Bild perfekt.

 

 

Von Cervantes nach Coronation Beach

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Okay, verstanden, 90 Zentimeter Bettbreite sind für zwei zu wenig. Obwohl wärmer und besser gefüttert, nehmen wir ab heute Nacht statt der Sardinen-in-der-Dose-Lage wieder das Hochbett. Wir verlassen Cervantes nicht, ohne uns noch die Stromatolithen am Lake Thetis anzuschauen. Diese sehen laut Reiseführer aus wie Blumenkohlköpfe und dümpeln im seichten Wasser des Sees. Gut beschrieben, finden wir. Optisch nicht gerade spektakulär, aber man nimmt an, dass Stromatolithen Leben auf der Erde überhaupt erst möglich gemacht haben, denn die Fossilien produzieren schon seit sehr langer Zeit Sauerstoff. Die ältesten lebenden Organismen existieren seit etwa 3,5 Milliarden Jahren. Unsere Fahrt geht weiter an der Küste entlang. Rechts und links der geteerten Straße blitzt roter Sand durch, daneben niedrige Büsche, zwischendrin Blumenwiesen in gelb und blau und die Indian Ocean Road verbindet fast schnurstracks einige Kilometer vom Meer entfernt die einzelnen Orte. Die sind zum Teil sehr klein, haben meist aber eine Tankstelle und damit auch einen kleinen Tante- Emma-Laden, aber den Dörfern fehlt bis auf Dongara ein bisschen der Charme. Dafür entschädigt jedes Mal der Ausblick aufs Meer. Immer andere Schattierungen von türkis bis ultramarinblau glitzern uns entgegen. In Geraldton, mit 19.200 Einwohnern die größte Stadt zwischen Perth und Port Hedland, wollen wir unsere Kühlbox neu auffüllen. Aber vor dem Einkauf nutzen wir für die Kameraaufnahmen noch die letzten Sonnenstrahlen. Wir folgen einem „Scenic Route Drive“-Schild und kommen an einem Leuchtturm vorbei, rot weiß geringelt, da müssen wir natürlich kurz vor Sonnenuntergang noch mal ein Bild machen. Oder auch zwei. Ja, auch drei bis vier. Wie an jedem Tag rennt uns so die Zeit davon. Mit den neuen Bildern im Gepäck fahren wir in die Stadt und stehen vor verschlossenen Ladentüren. Woolworth und wie die anderen Supermärkte heißen machen schon um sechs Uhr zu! Das heißt, nichts mehr zum Frühstücken, Wasser wird wohl reichen, aber kopfschüttelnd stehen wir da, die Stadt ist seit Sonnenuntergang wie ausgestorben. Wir beschließen, noch ungefähr 20 Kilometer zu fahren und am Coronation Beach den Campingplatz zu suchen. 16 Dollar die Nacht, Toilette und Meeresrauschen inklusive. Die Fahrt in der Dunkelheit ist unangenehm, wir überfahren fast ein Känguru, das am Straßenrand frisst, und nehmen uns fest vor, ab jetzt nur noch im Hellen irgendwo anzukommen.

 

 

Die Pinnacles

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Gegen Abend fahren wir Richtung Nambung National Park zu den Pinnacles. Hunderte und tausende von Steinsäulen stehen hier von ganz klein bis überlebensgroß. Wir fahren in den Nationalpark rein und kommen uns schlagartig wie auf dem Mond vor. Wie in einer Kunstausstellung stehen in kargem Gelände Statuen aus Stein in Reih und Glied. Wie Hinkelsteine, so weit das Auge reicht. Kaum zu glauben, dass die Dinger nicht dahingestellt worden sind, sondern dass die Natur das Ganze im Laufe der Jahrtausende so geformt hat. Auf Sanddünen wachsende Pflanzen drangen mit ihren Wurzeln in den unter den Dünen liegenden Kalksandstein ein. Das Wasser in den Wurzeln reagierte mit dem Kalk. Die Wanderdünen wanderten weiter, die Pinnacles blieben. Um die Säulen führt eine einspurige Besichtigungs-Auto-Strecke. Um kurz vor 5 Uhr abends kurven wir nur mit wenigen anderen durch das Gelände. Am schönsten lassen sich die Gesteinsformationen bei Morgen- oder Abendlicht ablichten, dann bekommen sie lange Schatten und die Sonne strahlt sie orangerot an. Ein ganz besonderes Spektakel ist auch das, was sich auf der Besucher-Route tut. Eine japanische Kleingruppe besteigt gegen die Vorschriften des Nationalparks jeden Stein und kreischt dabei weithin hörbar, eine amerikanische Gruppe macht sich gar nicht erst die Mühe auszusteigen, sondern „Drive-In-Sightseeing“. Nur eine Handvoll Urlauber bleibt, bis die Sonne untergeht, und wird belohnt durch das Schauspiel der Farben von orangerot bis dunkellila. Heute ist Vollmond, also bleiben wir noch eine Viertelstunde länger in der Dämmerung stehen, um dann auf der anderen Seite über den Steinen den Mond aufgehen zu sehen. Heidewitzka, das hätten wir uns in den kühnsten Träumen nicht so schön vorgestellt und finden, das ist tatsächlich ein Muss an der Westküste.

 

 

Von Yanchep Lagoon nach Coronation Bay

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Am nächsten Morgen wachen wir früh auf und schieben die Vorhänge zur Seite: Eine grandiose Kulisse! Wir stehen tatsächlich direkt am türkisblauen Meer, wie man es eher in der Karibik vermuten würde. Dass das Meer hier im Südwesten so exotisch anmutende Farben hat, hätten wir nicht gedacht. Und hinter uns öffnet gerade die Strandcafeteria. Perfekter Start in einen sonnigen Tag. Wir fahren weiter Richtung Norden und machen Halt in Lancelin, 110 Kilometer von Perth entfernt. Die schönsten und größten und weißesten Dünen soll’s hier geben. Na und, schon mal auf einer ost- oder nordfriesischen Insel gewesen? Ausgeschildert sind die Dünen nicht, aber am Ende des Ortes folgen wir einem einfachen Schild, das auf eine 4-Wheel-Drive- Strecke hinweist. Dann verschlägt es uns die Sprache. Eine ausladende Dünenlandschaft liegt vor uns, so weiß wie Schnee, was unfassbar toll aussieht zu dem blauen, wolkenlosen Himmel. Also dann mal rein ins Gelände, der dazu passende Wagen juchzt und wir fahren um die Dünen herum. Ohne Sonnenbrille ist der Kontrast nicht auszuhalten. Und wir müssen zugeben: Der Sand ist noch feiner als auf Amrum oder Juist. Lime Stone ist das, also Kalksandstein, von der Natur extra fein gemahlen, wie Mehl, und genauso weich. Nun machen wir unsere erste Offroad-Erfahrung. Als wir stecken bleiben, erinnern wir uns an die Einweisung bei Boomerang Reisen in Trier, wo wir extra an einem 4WD- Schnupperkurs teilgenommen haben. An den Rädern gibt es Schrauben, die man um 90 Grad auf die „Lock“- Position stellen muss, damit das Differential nicht mehr greift und die Räder im Sand nicht durchdrehen. Und siehe da: Es funktioniert! Unser Auto bewegt sich wie ein Panzer vorwärts durch den tiefen Sand. Schön, dass wir die mitgelieferte Schaufel nicht schon heute auspacken müssen. Der Ausflug hat sich schon mal gelohnt.

 

 

Von Perth nach Yanchep Lagoon

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Dennoch wollen wir raus aus der Stadt, denn die wahren Schönheiten Australiens sollen ja mitten in der Pampa liegen. Bis Darwin haben wir in den kommenden 35 Tagen etwa 7500 Kilometer plus Abstecher vor uns. Außerdem wollen wir morgen zu den Pinnacles - außergewöhnliche Gesteinsformationen - 200 Kilometer nördlich von Perth, also machen wir Strecke. Da es schon reichlich spät ist und die Sonne im September kurz nach sechs Uhr untergeht, müssen wir uns um einen Schlafplatz kümmern. Die Australier haben uns den Rat gegeben, bloß nicht im Dunkeln zu fahren, weil da viele Kängurus, Wallabies und anderes Getier aus dem Gebüsch auf die Straße hüpft. Kaum haben wir Perth hinter uns gelassen, können wir uns auf der Landstraße direkt davon überzeugen, dass die Aussies Recht hatten. Die ersten fünf Kängurus, die wir in Australien sehen, liegen leider tot am Straßenrand… Zum Übernachten haben wir uns für einen kleinen Ort namens Yanchep entschieden, 50 Kilometer nördlich von Perth an der Küste. Dort soll es laut Karte einen Campingplatz geben. An der Hauptstraße weist ein riesiges blaues Schild zum Campingplatz. Wir fahren nach Yanchep rein - und auf der anderen Seite wieder raus, kein weiteres Schild in Sicht. Acht Kilometer weiter landen wir am Strand von Two Rocks. Auf einem kleinen Parkplatz treffen wir ein deutsches Rentnerpärchen mit Campingbus, das wir fragen, ob wir hier stehen bleiben können. „Das weiß nur der da oben“, antwortet der Mann, „wir hatten aber bisher wenig Probleme und stehen immer wild“. Wir klappen also unser Dach aus und gehen zum gemütlichen Teil des Abends über. Die erste Campingnacht begießen wir mit einem australischen Rotwein. Es dauert keine Stunde, da kommt ein Auto angefahren, ein Typ steigt aus und klopft an die Seitentür. „Hello – you have to move, camping is not allowed“. Mist, denken wir: Campen ist nicht erlaubt, aber auch nicht trinken und Auto fahren. Die Promillegrenze liegt bei 0,5. Wir wollen uns natürlich keine der gefürchteten australischen „Fines“ einhandeln. Die Geldstrafen müssen wohl nach den Sternen, den Ölpreisen oder dem Gusto von ein paar Spießern berechnet worden sein, denn alles, was Spaß macht, kostet horrende „Fines“, „Penalties“, „Prosecutions“, die gleich mehrere hundert Dollar betragen. Das Schlimmste, was man in Australien machen kann, ist, die Regeln zu übertreten, die sich ein paar Leute am Schreibtisch ausgedacht haben. Da auch das Rentnerehepaar sofort geflohen ist, bleiben wir mit unserem Geländewagen lieber auch nicht stehen, fragen aber noch den netten, jedoch sehr bestimmten Kontroletti vom Council, wo wir uns denn nun hinstellen dürfen. Er empfiehlt uns die acht Kilometer entfernte Yanchep Lagoon, wo sie es nicht so ernst mit dem Campingverbot nähmen. Nun gut, andere Dörfer, andere Sitten. Wir tuckern also acht Kilometer weiter. Vor Müdigkeit fallen uns fast die Augen zu, doch wir finden den Platz, hören das Meer rauschen und bauen das Bett. Dafür müssen wir erst einmal die Gepäckstücke von rechts nach links räumen, die Schlafsäcke von links nach rechts und dann nach oben, den Einkauf in den Schrank, und der Rest wie Klappstühle und große Wasserflaschen bleiben da, wo sie sind. Es gibt für unsere Ausrüstung nicht genug Stauraum und einer von uns beiden ist dem anderen immer im Weg. Auf Augenhöhe bugsieren wir drei Holzplatten auf zwei Meter Länge aneinander, es kommen drei Matratzenteile drauf, ein Laken und die Schlafsäcke - und fertig ist das Bett. Was wir nicht so recht bedacht haben: In dem Pop-Up-Dach aus Zeltstoff ist es nachts bei acht Grad Außentemperatur drinnen auch nicht gerade viel wärmer, also frösteln wir uns so durch die Nacht.

 

 

Wir mieten uns einen Geländewagen

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Wir fahren mit dem Bus zur Mietwagen-Abholstation von Britz in der Nähe des Flughafens und bekommen einen 4WD - Geländewagen mit aufstellbarem Dach, „Challenger“ heißt das Modell. Bei dem Auto, das von außen riesig aussieht, wurde an alles gedacht: Schränke mit Kochgeschirr, ein geräumiger Kühlschrank, Stromkabel für die Steckdosen auf den Campingplätzen, Wassertank, Gasflasche, Klappschaufel, Abschleppseil, Wäscheleine und vieles mehr. Innen gibt’s eine Couch, eine Küchenarbeitsplatte und wenn das Dach aufgestellt ist, ein Schlafzimmer. Die „gasflammige Küche“ und das „Allwetter-Wohn-und Esszimmer“ sind unter freiem Himmel. Da wir das Zusatzpaket gebucht haben, bekommen wir Schlafsäcke, Kopfkissen, Laken, einen Tisch und zwei Campingstühle sowie Handtücher gleich mit dazu. Für die nächsten 34 Tage leben, wohnen und arbeiten wir in dem Geländewagen. Das Verstauen unserer Rucksäcke erweist sich aber noch als intellektuelle Herausforderung. Anschließend lassen wir uns mit Hilfe einer deutschsprachigen DVD in die Geheimnisse des Geländewagens einweihen und überprüfen unser Gefährt ausgiebig. Dann geht es los. An den Linksverkehr müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Wollen wir blinken, betätigen wir den Scheibenwischer und auch das Schalten geht mit links – eigentlich, aber stattdessen knallen wir mit der rechten Hand ans Fenster. Wir schaffen es dank des Navigationssystems bis zum Hotel und checken aus. Nachmittags fahren wir zum Kings Park. Es scheint so, als ob sonntags sämtliche Bewohner Perths einen Picknickausflug in den vier km² großen Park machen. Eine Band spielt, Kids vergnügen sich am Springbrunnen, Leute liegen im Schatten der Bäume. Der Park liegt etwas oberhalb der Stadt auf einem Hügel und bietet einen tollen Ausblick auf die Skyline und den Swan River.

 

 

Bring Your Own

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Nicht nur Europäer bevölkern Perth, auch aus dem Rest der Welt kommen viele Einwanderer. Wir sehen auf der Straße viele Vietnamesen, Inder und Afrikaner und an jeder Ecke bekommen wir andere kulinarische Highlights geboten. Viele Glashochhäuser stehen neben alten Fassaden, die sehr englisch aussehen. Besonders die nebeneinander stehenden Gegensätze finden wir schön und filmen sie. Abends bringen wir die Kameras aufs Hotelzimmer und folgen einem Reiseführer-Essenstipp auf der William Street. Ein schlichtes vietnamesisches Restaurant mit dem Charme einer Bahnhofshalle mit Neonröhren an der Decke. Wir sehen aber von außen, dass es rappelvoll ist, was meistens ein Garant dafür ist, dass es auch gut schmeckt. Das Laksa-Curry und das Reisgericht mit vietnamesischen Kräutern sind dann auch echt lecker. Da wir als Australien-Frischlinge nicht auf die Details geguckt haben, trinken wir statt Wein ein Glas Wasser, denn das Restaurant ist wie so viele ein BYO - Laden („bring your own“). Es gibt Restaurants, die keine Lizenz zum Alkoholausschank haben, was nicht bedeutet, dass man auf dem Trockenen sitzen bleiben muss. Wer also Bier oder Wein zum Essen will, kann sich etwas mitbringen und ohne schlechtes Gewissen auspacken und trinken, manchmal zahlt man Korkgeld. Eine komische Vorstellung, unser eigenes Gesöff mitzubringen und auf den Tisch zu stellen, aber wir werden uns sicher daran gewöhnen.

Übrigens, sich mit Bargeld einzudecken, ist in Australien kein Problem. Mit Euroscheckkarte oder Kreditkarte kann man an den unzähligen Geldautomaten australische Dollar holen. Für uns lohnt sich auch eine australische Sim-Karte fürs Handy. Allerdings machen wir den Fehler, auf die günstigen Preise von Vodafone reinzufallen. Günstig wird es tatsächlich für uns, aber nur weil wir an der Westküste mit Vodafone so gut wie kein Netz bekommen. (An der Ostküste hingegen funktioniert es problemlos.) Dann doch lieber für die abgelegenen Gebiete Telstra nehmen, die australische Telekom.

 

 

Menschen mit richtig viel Schotter

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Perth ist bekannt dafür, dass es hier viele Selfmade-Millionäre gibt. Man kann uns nicht gerade nachsagen, dass wir uns in Schicki-Micki-Kreisen bewegen, am Hummerschwanz knabbern und uns aus mangelndem Selbstbewusstsein irgendwelche Statussymbole angeschafft haben. Trotzdem möchten wir gerne mal wissen, was so besonders am Leben der Reichen und Schönen ist und wie es sich anfühlt, einen Tag auf einer dieser überdimensional großen Yachten zu verbringen.

Aus diesem Grund haben wir schon von Deutschland aus Kontakt zu Claude aufgenommen, seines Zeichens Immobilien-Tycoon, der uns zu einem Ausflug auf seiner Yacht mitnimmt. Perth von der Wasserseite aus zu sehen, sei so beeindruckend, das dürften wir uns nicht entgehen lassen, meint Claude. Und tatsächlich ist dieser Ausflug ein Hammer! Im Sportboothafen wimmelt es von Motoryachten, die bei 2 Millionen Euro Anschaffungspreis überhaupt erst anfangen. Claude hat den richtigen Riecher, wenn es um den Verkauf von Immobilien geht, deswegen kann er sich so eine Yacht leisten. Es gebe in Australien wenig Neider, wenn man Erfolg hat, sagt er. Wer im Geld schwimmt, gibt es für Dinge aus, die Spaß machen. Auf Markenklamotten, Schuhe, Autos und sonstige Statussymbole pfeifen die Australier. Am liebsten latschen sie barfuß und mit Badeshorts durchs Leben.

Mit an Bord sind Claudes Freunde Marc, dessen Frau Emma und Tochter Thalia. Als sie hören, dass wir gerade mal zehn Stunden in ihrem Heimatland weilen, stoßen sie mit uns mit leckerem australischen Weißwein auf unsere Ankunft und unsere bevorstehende Reise an und erzählen, was Australien für sie so besonders macht. Marc ist vom Spirit begeistert, das Leben – und besonders das in Perth – sei so unbeschwert. Er zeigt auf den strahlend blauen Himmel und erklärt, dass dies der Normalfall sei. Und weil immer die Sonne scheint, seien die Menschen hier eben bester Dinge, sagt er. Heute, am 10. September, vergleichbar mit dem deutschen März, sind es tagsüber 25 Grad.

Als wir ablegen, fühlt es sich auf Grund der Größe der Yacht eher an, als würden wir mit einer Fähre fahren. Über den Swan River heizen wir mit schlappen 2600 PS direkt auf die Skyline von Perth zu. Die Hochhäuser wecken Erinnerungen an Frankfurt, aber die Sonne, die frische Brise und die salzige Seeluft verscheuchen den Gedanken an die stickige Stadtluft zu Hause.

Weil sich Perth über eine riesige Fläche verteilt, sieht man ihr die Millionenmetropole nicht an. Es gibt eine überschaubare Shoppingzone, eine Ausgehmeile und eine alternative Fress- und Kunstmeile. Die Mischung macht’s. Auch bei den Einwohnern: An Bord der Yacht sind zwar alle dem Pass nach Australier, aber da zumindest die weißen Australier immer irgendwelche Vorfahren aus anderen Ländern haben, lebt Australien auch von den vielen verschiedenen Kulturen, die die Einwanderer mitgebracht haben. Marcs Frau Emma ist Halbitalienerin, in Australien geboren, und sie erklärt uns, dass besonders in Perth das multikulturelle Leben pulsiert. Wir kommen aus dem Quatschen mit den Vieren gar nicht mehr raus, vieles davon nehmen wir mit der Kamera auf und unsere Chipkarten laufen zum ersten Mal heiß.

Schade, dass Claude uns schon wieder Richtung Hafen schippert. Er muss heute noch ein paar Runden in seinem Rennwagen drehen. Was Millionäre halt so machen…

 

 

Flug von Singapur nach Perth

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Man hat uns zwar sechs Stunden unseres Lebens geklaut, aber im Dezember bekommen wir sie ja wieder geschenkt. Wir haben Glück, unser Flug kommt in Singapur am benachbarten Flugsteig zum Anschlussflug nach Perth an, unsere Sitznachbarin hatte uns schon darauf vorbereitet, dass es von Terminal eins nach Terminal drei knapp 45 Minuten dauern kann.

Um uns die Beine zu vertreten, trotten wir durch den Flughafen. Kostenlose Internetnutzung für 15 Minuten macht uns glücklich, und dann finden wir den Butterfly Garden. Über zwei Stockwerke tummeln sich dort viele Schmetterlingsarten, die es nur in Singapur und Malaysia gibt. Sie lassen sich von Ananashälften anlocken und von unserer Kamera glücklicherweise nicht stören. Die Schmetterlinge sind handtellergroß und schön gemustert, die Blumen duften und bei 35 Grad und gefühlter 100% Luftfeuchtigkeit kommen nicht nur wir, sondern auch unsere Kameras ins Schwitzen.

Vier Stunden 40, so kündigt der Kapitän an, dauert der Flug nach Perth. Ist ja ein Klacks! Wir haben uns abgewöhnt auf die Uhr zu schauen und fliegen daher ohne jegliches Zeitgefühl auf einen anderen Kontinent. Ankunft dort: 23:30 Uhr Ortszeit.

Wir stehen in einer langen Schlange zur Einreise, hoffen, unser Einreiseformular im Flugzeug richtig ausgefüllt zu haben („Deine drei Komma fünf Monate sehen aus wie 35 Monate, so lange haben wir kein Visum, das gibt Ärger!“) und begegnen zwei ausgesprochen netten Einreiseformular- und Reisepasscheckerinnnen, die uns nach nur einer Minute ins Land lassen. Wir scheinen einen vertrauenserweckenden Eindruck gemacht zu haben. Zum Glück haben wir alle Essensvorräte aufgegessen, denn alle, die das nicht getan und auch noch auf dem Formular bei der Frage „Haben Sie Essen im Gepäck?“ ihr Kreuzchen bei „Nein“ gemacht haben, bekommen spätestens jetzt Ärger. Der Koffer wird bei der Einreise durchleuchtet und es bleibt eben nichts verborgen.

Da so spät keine Busse mehr fahren, nehmen wir uns ein Taxi und rollen Richtung Perth City. Es ist Freitagabend und aus den umliegenden Pubs hören wir gut gelaunte, feiernde Menschen. Schade, dass wir so müde sind. Wir fallen um 2 Uhr nachts ins Bett.

 

 

Flug von Frankfurt nach Singapur

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Wir schwitzen. Hinten haben wir knapp 19 bzw. gute 17 Kilo festgeschnallt, vorne beide mehr als zehn und wir rennen zur Bahn. Wie immer sind wir viel zu spät, weil einer von uns immer noch mal durch die Wohnung galoppiert: Heizung „auf Urlaub“ gestellt? Den Müll rausgebracht, auch gelbe Tonne? Herd ausgestellt? Szenen einer Abreise.

Wir joggen zur U-Bahn, wenn man das überhaupt joggen nennen
kann. Wie ein Magnet hält uns die Schwerkraft am Boden, es ist mehr ein hilfloses Dahingehüpfe. Karte ziehen, die U-Bahn fährt ein, wir erlösen uns von Vorder- und Hintergepäck, blicken nochmals hektisch in unsere Tasche, ob Tickets und Pässe da sind...
100 Tage Australien plus vier für An- und Abreise liegen vor uns.
In Deutschland merken wir im September schon die Vorboten des
Herbstes und erinnern uns mit Grausen an den letzten eiskalten Winter. In Westaustralien hat gerade der Frühling begonnen.

Am Flughafen gibt es glücklicherweise keine langen Schlangen am
Schalter und wir können ohne jegliche Wartezeit bei Singapore Airlines einchecken. Jetzt die letzte Hürde: die Sicherheitskontrolle. Aus Erfahrung wissen wir, dass wir mit unseren Kameras im Handgepäck erstmal freundlich, aber bestimmt, in ein kleines Kämmerlein gelotst werden. Dort sitzt dann einer der Kontrolleure mit Gummihandschuhen und untersucht die Kameras auf Sprengstoff. Dieses Mal fordert man allerdings keine zeitraubende Privataudienz. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unsere Kameras kleiner sind als bisher.

„Bing! Captain is speaking, we welcome you on board...“ Wir machen es uns im Flugzeug gemütlich und haben Glück: Es sitzen nur nette, gut riechende Menschen um uns herum und die Filme im Bordprogramm beschäftigen uns einige Stunden. Die Stewardessen und Stewards sind supernett. Die Frauen tragen tolle Sarongs, was nicht so förmlich oder spießig wirkt wie die übliche Kleidung bei einigen europäischen Fluggesellschaften.

Man mag über das Essen im Flugzeug denken, was man
will, aber wir finden, dass man die heute servierten asiatischen Nudeln, Curries und leichten Reisgerichte besser verträgt als so ´ne olle Schuhsohle, die man sonst gern aufgeklapptischt bekommt. Der Flug nach Singapur dauert 11 Stunden. Nach dem Mitternachtsabendessen werden die Luken dichtgemacht und das Licht gedimmt: Schlafen ist angesagt.

Ist immer wieder komisch zuzusehen, wie jeder so seine Schlafstellung sucht. Der eine findet sie schnell und schläft mit zurückgeklapptem Nacken und offenem Mund sofort ein, der Seitenschläfer windet sich, bis er in Klappmesserstellung völlig übermüdet zusammensackt. Der Wein zum Essen verleiht uns die nötige Bettschwere und wir können ein paar Stunden Schlaf ergattern.
Unser erster Tipp in diesem Buch lautet: Einen Abendflug buchen, dann verträgt man die Zeitumstellung am besten und ist nicht so müde bei der Ankunft. in Singapur ist nach Ortszeit 16 Uhr, nach unserer Zeit 10 Uhr morgens.